Krieg, Inflation und Streik
 
 

Die soziale Lage der Bergarbeiter- besonders die Ernährungssituation verschlechterte sich während des Ersten Weltkrieges rapide. Die Dezimierung der Belegschaft durch Einberufung vor allem jüngerer Bergarbeiter zum Militär, führte zu einem großen Produktionsverlust. Einer der Gründe ist vielleicht auch darin zusehen, dass es in den Jahren 1916 bis 1918 zu Arbeitsniederlegungen im Steinkohlebergbau an der Ruhr kommt. Wir, die wir den Zweiten Weltkrieg mehr oder weniger bewusst erlebt haben, wissen, dass der Gedanke an einen Streik in den Kriegsjahren unser Vorstellungsvermögen übersteigt. In dieser Zeit haben Bergleute mitunter mehr Schichten verfahren (Panzerschichten), als das Jahr Kalendertage, jawohl Kalendertage, aufweist. Ganz anders dagegen im Ersten Weltkrieg!
Bereits in den Jahren davor kommt es zu Arbeitsniederlegungen, über die uns Dr. Spethmann in seiner Buchreihe "Zwölf Jahre Ruhrbergbau " mit dem Untertitel " aus seiner Geschichte vom Kriegsanfang bis zum Abzug der französischen Besatzung 1914 bis 1925 "informiert. Er berichtet über einen ersten größeren Ausstand im Jahre 1889, der fast das gesamte Ruhrgebiet erfasst. Ihm folgen noch zwei bedeutsame Streiks im Januar 1905 und im März 1912, wobei letzterer in der Zeittafel der Chronik " 100 Jahre Bergbau am linken Niederrhein " als Ausstand auf Rheinpreußen in den Monaten Februar und März aufgeführt wird.
Diesen Ausständen liegen in der Hauptsache Forderungen nach höheren Löhnen und nach Änderungen in den Knappschaftsleistungen zu Grunde.
Ausgelöst werden sie durch die so genannten Arbeiterausschüsse, die als Betriebsvertretung seit dem 14.7.1905 zur gesetzlichen Pflicht gemacht worden sind. Dahinter wiederum steht der Verband der Bergarbeiter Deutschlands, der als " Alter Verband " bezeichnet wird.
Eine Anhäufung der Streiks findet in den Jahren 1917 und 1918 statt. Bei der Entwicklung dieser Streiks tritt einer Reihe von Forderungen der Arbeiterseite deutlicher und immer deutlicher hervor, die später in der Revolution und in den ersten Nachkriegsjahren ihren stärksten öffentlichen Ausdruck finden.
Mit anderen Worten: bei den Streiks treten zunehmend politische Motive in den Vordergrund und verdrängen die rein wirtschaftlichen und sozialen Gesichtspunkte, wie zum Beispiel Löhne, Versorgung, soziale Leistungen, auch wenn diese bei allen Streikaktionen genannt werden. Nur- die Zielsetzung beinhaltet ganz andere Aspekte.
Ein weiteres Kuriosum: Oft wird ein Streik ausgelöst, ohne dass dem Arbeitsausschuss Wünsche oder gar Beschwerden vorliegen. Die Gründe für den Ausstand werden dann häufig später " nachgereicht ". Im Hinblick auf die immer wieder geforderte bessere Versorgung mit Lebensmitteln, insbesondere mit Fett und Kartoffeln, muss man wissen, dass hierfür nicht die Zechengesellschaften sondern Regierungsstellen und die örtlichen Behörden zuständig sind. Mitunter geht der Widerspruch in der Streikbegründung so weit, dass der Mangel an Nahrungsmitteln als Grund angegeben wird, obwohl "ansehnliche Mengen Käse, Margarine, Graupen, Haferflocken und Nudeln von den zur Verfügung stehenden Lebensmitteln in der Woche vor dem Streik nicht abgeholt waren ", so in der Dokumentation " zwölf Jahre Ruhrbergbau " nachzulesen.
Der Name Rheinpreußen tauchte darin erstmals in Verbindung mit zweitägigen Ausständen Ende Juni und Anfang Juli 1917 auf.
Dr. Spethmann schreibt: " von neuem war die Lebensmittelnot der äußere Anlass zur Arbeitsniederlegungen, die meistens zuerst von Frauen inszeniert wurde, so auf Rheinpreußen von österreichischen und schlesischen. "
9. November 1918:Revolution in Deutschland: Kriegsende!
Für den Anfang des Jahres 1919 planen die Spartakisten- so nennen sich die Kommunisten zunächst- einen Aufstand im Ruhrgebiet parallel zu einem Aufruhr in Berlin, um die Regierung Ebert-Scheidemann zu stürzen. Die Kämpfe beginnen am 6. Januar 1919 und enden am 13. Januar 1919 mit der Niederlage der Spartakisten. Aber es kehrt keine Ruhe ein, denn die Spartakisten geben ihr Ziel, einen Staatsumsturz in ihrem Sinne herbeizuführen, nicht auf.
" Ein besonderer Fall ereignete sich dann Mitte Oktober (1919 auf den linksrheinischen Zechen, wo die Bewegung von Hochemmerich (Diergardt 1/2) ausging. Man unterbreitete der belgischen Besatzungsbehörde einer Reihe von Forderungen, die sich zwar teilweise auf Erleichterung der Besatzung bezogen, deren Kern aber auf eine Änderung der Arbeitszeit hinauslief. Der Werksleitung wurde eine Abschrift vom 17. Oktober 1919 mit der Ankündigung überlassen, dass ein Belegschaftsmitglied nach Köln fahren werde, um der interallierten Kommission die Wünsche vorzulegen.
Sie waren:
1. Freiheit in Wort und Schrift,
2. Vereins- und Versammlungsfreiheit,
3. freier verkehren mit dem übrigen Deutschland und der Aufhebung des Passzwanges,
4. Entfernung der Besatzungstruppen von der Arbeitsstelle,
5. Beseitigung der Übergriffe und Äußerungen von Seiten der Besatzung,
6. strenge Verfolgung der Übergriffe,
7. Freilassung der politischen Inhaftierten,
8. restlose Einführung von
           a) Siebenstundenschicht,
           b) den gesetzlich zustehenden Urlaub,
           c) bessere Versorgung mit Lebensmitteln,
           d) strenge Verfolgung der Schieber und Wucherer.
Das werktätige Volk des linken Niederrheins wird die Arbeit solange ruhen lassen, bis die angeforderten Forderungen restlose erfüllt sind.
                                                                                        Die Arbeiterschaft des linken Niederrheins.

Aus diesen Gründen streikten vom 16. bis 25. Oktober 1919 die meisten linksrheinischen Zechen so auch Rheinpreußen Schacht IV und V in Meerbeck .
Die folgenden Jahre sind von tiefgreifenden politischen Umwälzungen und Turbulenzen gekennzeichnet, die sich natürlich auch auf die wirtschaftliche Situation auswirkten.
Die Überbeanspruchung der finanziellen Leistungsfähigkeit durch Arbeitslosenunterstützung, Industriesubventionen und Kohleeinfuhr führte dazu, dass die Mark ins Bodenlose sank. Die Bergleute verdienten jetzt zwar wieder, konnten für ihr mühsam erarbeitetes Geld aber nicht einmal die notwendigsten Grundnahrungsmittel kaufen, da die Preise mit wachsender Geschwindigkeit ins Unermessliche stiegen. Geradezu ein Wahnsinn war es, dass den Bergleuten noch nicht einmal ihre Deputatkohlen von der Besatzungsbehörde zugestanden wurden. Die Inflation hatte beispielsweise zur Folge, dass sich die in Umlauf befindliche Geldmenge um das siebenmilliardenfache erhöhte, während die Preise in einem Zeitraum von 16 Monaten um das zehnmilliardenfache explodierten. Der Kreis Moers und die Bergwerke am linken Niederrhein sahen sich gezwungen, durch selbst gedrucktes Geld, für den Gegenwert zu bürgen. In das Jahr 1929 fiel der Beginn der Weltwirtschaftskrise. Das Kapital hatte in den vergangenen Jahren die Produktion von Waren unaufhörlich gesteigert. Es kam zur Übungsproduktionskrise, die Waren fanden keinen Absatz mehr. Hinzu kam der Paukenschlag am 24. Oktober 1929, als an den Wertpapierbörsen der Vereinigten Staaten die auf das Ansteigen der Kurse basierenden Spekulationen zusammenbrachen. Die daraus resultierende Weltwirtschaftskrise dauerte bis 1933.
Erst die Währungsreform im November 1923 beendete die Inflation, auf deren Höhepunkt
1 Billion =1.000 Milliarden Papiermark dem Wert einer Goldmark entspricht.

Bereits 1930 löste eine Depression die Jahre des Aufschwungs ab. Es kommen schwere Zeiten auch auf Rheinpreußen zu. Auf Grund der Krise wird die Förderung gesenkt. Mit Hilfe von Lohnsenkungen versucht man die Selbstkosten zu verringern. Erhebliche Absatzschwierigkeiten führen zu Feierschichten, Lohneinbußen sind die Folge. Massenentlassungen, Feierschichten, unzureichende und stetig sinkende Arbeitslosenunterstützung, Hunger und Not bestimmen das Leben der Bergleute und ihrer Familien. Auch in Meerbeck herrschten Erwerbs-losigkeit und Kurzarbeit. Allein in den Jahren 1930 bis 1935 wurden auf Rheinpreußen Schacht IV und V insgesamt 508 Feierschichten eingelegt. Das entspricht bei 305 regulären Schichten pro Jahr einen Schichtausfall von 28 Prozent.
Diese einschneidende Maßnahmen lassen sich nicht vermeiden, obwohl in den Jahren 1930 bis 1932 bereits ein Abbau der Gesamtbelegschaft um 24 Prozent erfolgte. Die Tatsache, dass Rheinpreußen mit der Entlassungsquote unter dem Ruhrdurchschnitt, mit der Zahl der Feierschichten dagegen darüber liegt, lässt das Bestreben der Unternehmensleitung erkennen, die in Arbeitslosigkeit gipfelnden Auswirkungen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten so weit wie irgend möglich zu begrenzen; denn die Arbeitslosigkeit bedeutet in diesen Jahren Armut und Not.


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